Wohngiften auf der Spur

Krank durch Farben?

Der Wunsch mit Farben die Umwelt zu verschönern ist nicht neu: Die ältesten Wandmalereien sollen rund 30 000 Jahre alt sein. Zu ihrer Herstellung benutzten unsere Vorfahren einfache Gemische aus tierischen Fetten mit farbigen Erden. Später wurden auch die nützlichen Eigenschaften von Pflanzen und tierischen Ausscheidungen entdeckt.

Bis ins 19. Jahrhundert stellten die meisten Lackverarbeiter (und auch die Künstler) ihre Anstrichstoffe selbst her. Die Rezepturen hatten sich auf der Grundlage praktischer Erfahrungen entwickelt. Bei den Rohstoffen spielten tierische Produkte nur eine untergeordnete Rolle. Pflanzliche Rohstoffe blieben bis hinein in die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts die wichtigste Rohstoffbasis für Lackfarben, im Malerhandwerk dominierten die öligen Anstrichstoffe auf Leinölbasis, erst dann begann die Entwicklung der Lackchemie.
Die Entwicklung der Wand- und Fassadenfarben nahm ebenfalls einen rasanten Verlauf. Die Pflanzenleime verdrängten die bis dahin verbreiteten Knochenleime bei der Herstellung von Leimfarben. 1932 kamen die ersten Zelluloseleime auf den Markt, das Pulver wurde vor der Verarbeitung in Wasser aufgelöst. 1934 lieferte die Industrie erstmals fertige Leim/Ölemulsionen als Farbbinderpasten. Sie dienten dem Maler als Bindemittel (Binder) für Pigmentzubereitungen, die er selber herstellte.
Etwa seit 1953/54 stellt die Farben- und Lackindustrie dem Malerhandwerk - und in zunehmendem Maße dem Heimwerker - streichfähige, wässrige Anstrichstoffe für Wände im Innen- und Außenbereich zur Verfügung.

Krank durch Farben
Immer raffiniertere Rezepturen führten zu immer besseren Eigenschaften. Doch im Vordergrund bei der Entwicklung neuer Materialien standen die technischen Eigenschaften und der Nutzen. Die Risiken wurden erst später, zuerst bei berufsmäßigen Malern und Anstreichern, deutlich, die naturgemäß besonders intensiven Umgang mit Anstrichstoffen haben und es dauerte seine Zeit, bis Gesetzgeber und Hersteller sich mit der Gesundheitsverträglichkeit befassten und Änderungen herbeiführten.
Doch noch immer bedeuten Renovierungsarbeiten für empfindliche Menschen und Allergiker eine zusätzliche Belastung und ein gewisses Risiko, denn die notwendigen Materialien können Stoffe enthalten, die für allergische Reaktionen, wie Kontaktallergien oder als Reizstoffe für die Verstärkung von Neurodermitis-, Asthma- und Heuschnupfensymptomen verantwortlich sind. Lösungsmittel können auch Befindlichkeitsstörungen auslösen, wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen, Hustenreiz, Juckreiz oder wenig erforschte Krankheitsbilder wie das Sick-Building-Syndrom oder eine Überempfindlichkeit gegenüber zahlreichen Chemikalien (MCS/multiple chemical sensivity).

Lösungsmittel
sind mit Abstand die problematischsten Bestandteile von Farben, Lacken, Klebstoffen und Farbentfernern, da sie während des Trocknungsprozesses mehr oder weniger schnell an die Raumluft abgegeben werden. Abhängig von Art, Konzentration, Einwirkungsdauer und der individuellen Konstitution der jeweiligen Person können sie zu vielfältigen Befindlichkeitsstörungen und Gesundheitsschäden führen.
Aceton wirkt narkotisierend, schleimhautreizend und kann Ekzeme sowie Nerven- und Nierenschäden verursachen.
Delta-3-Caren ist ein Bestandteil von Balsamterpentinöl, das vor allem in sogenannten Naturfarben als Lösungsmittel wirkt und häufig Allergien auslöst.
Dichlorethan findet man in PVC, Fleckenwasser, Abbeizmitteln und Verdünnungen. Es ist hautreizend und kann für Kopfschmerzen, Leber-, Nieren- und Darmbeschwerden verantwortlich sein.
Ethanol verursacht Schleimhautreizungen.
Glykoether und -ester gasen über lange Zeit aus, sie können zu Bindehautreizungen, Befindlichkeitsstörungen und Schäden an Nieren und Nervensystem führen.
Hexan kann Allergien fördern und Nervenschäden sowie Schleimhautreizungen erzeugen.
Isobutanol, auch hier: Schleimhautreizungen.
Isopropanol kann Hautreizungen hervorrufen.
Methanol ist stark giftig und kann, Benommenheit, Kopfschmerzen, Schwindel erzeugen.
Terpene werden gern in Naturfarben eingesetzt. Sie werden aus Baumrinden oder den Schalen von Zitrusfrüchten gewonnen und können Allergien, Kopfschmerzen, Atemstörungen, Augen- und Hautreizungen mit sich bringen.
Toluol wirkt narkotisierend.
Trichlorethan/ Trichlorethylen wird vor allem in Abbeizmitteln eingesetzt und kann neben seiner narkotisierenden Wirkung zu Leber- und Nierenschädigungen und Sehstörungen bis zur Erblindung führen.
Xylol kann haut- und schleimhautreizend sowie narkotisierend wirken.

Bindemittel
bilden, ggf. zusammen mit Pigmenten, den eigentlichen Anstrich, nach Trocknung und Aushärtung sind sie vergleichsweise unbedenklich.
Acrylate in Kunstharzfarben können Kontaktallergien auslösen. Das gilt auch für den getrockneten Anstrich bei Gegenständen, mit denen intensiver Hautkontakt vorkommt, z.B. Stuhllehnen, acrylathaltige Wandfarben sind unbedenklich.
Isocyanate sind die Basis vor allem von 2-Komponenten-Lacken und PUR-Schäumen. Sie reizen Haut, Atemweg und Schleimhäute, sowie bei Kontakt die Haut. Sie können Bronchitis und Asthma verschlimmern und Allergien auslösen.
Phenol kommt in Kunstharzlacken sowie Imprägnier- und Desinfektionmitteln vor, es kann Nieren- und Leberschäden verursachen und ist krebsverdächtig.
Styrol kann als Bestandteil von Polyesterklebstoffen, -lacken, -und -farben zu Kopfschmerzen, Sehstörungen sowie Hirn-, Leber- und Nervenschädigungen führen.

Pigmente
sind der feste, farbgebende und füllende Bestandteil von Lacken und Farben und kaum problematisch. Schwermetallhaltige Pigmente, wie gelb und orange auf Cadmiumbasis, stehen im Verdacht, allergische Prozesse zu beeinflussen, Blei (Bleiweiß, Bleimennige) ist zudem hochgiftig. Schwermetallhaltige Pigmente werden nur noch selten für bestimmte Zwecke, z.B. Rostschutzlacke, eingesetzt.

Hilfsstoffe
erleichten die Verarbeitung und steigern die Haltbarkeit: Hautverhinderer, Anti-Absetzmittel, Verdickungsmittel, Stabilisatoren, Trocknungsbeschleuniger, Verlaufmittel, Emulgatoren, Anti-Pilzmittel (Fungizide) und Konservierungsstoffe.
Ammoniak wird in geringen Mengen in wasserverdünnbaren Materialien als Stabilisator eingesetzt. Es kann in höherer Konzentration, Augen- und Hautreizungen bewirken.
Dichlorfuanid wirkt in Dispersionsfarben als Konservierungsmittel und in Holzschutzmitteln gegen Schimmelpilze, beim Menschen mitunter schleimhautreizend, Übelkeit erregend und kontaktallergieauslösend.
Formaldehyd/Formaldehydabspalter können als Bestandteil von Klebern, Farben und Lacken, Allergien und Kopfschmerzen auslösen sowie Augen, Schleimhäute und Atemwege reizen.
Isothiazolinone wird häufig als Konservierungsstoff eingesetzt und kann in seltenen Fällen Kontaktallergien hervorrufen.
Tributylzinnverbindungen (TBT) können als Stabilisator in Dispersionsfarben und Holzschutzmitteln enthalten sein und Leber, Nieren, Nerven und das Immunsystem schädigen.

Ein Grund zur Panik besteht trotz dieser beeindruckenden Liste im Einzelfall möglicher Gesundheitsschädigungen jedoch nicht, nicht zuletzt weil der Kontakt eines "normalen" Heimwerkers mit den bedenklichen Stoffen meist nur kurzfristig und gering dosiert erfolgt. Dennoch - warum ein unnötiges Risiko eingehen? Sind erst Befindlichkeitsstörungen oder Krankheiten aufgetreten, ist es schwer bis unmöglich, den Übeltäter zu identifizieren und einen Zusammenhang zu beweisen. Selbst wenn dies gelingt, ist es aufwändig, kostspielig und manchmal gar nicht möglich, Schadstoffquellen wieder aus der Wohnung zu entfernen.


Renovieren ja - aber richtig!Das oberste Gebot: Sorgen Sie während der Arbeiten mit Anstrichstoffen, Klebern, Verdünnungen, Pinselreinigern, Tapetenablösern oder Abbeizmitteln und noch möglichst lange danach für eine gute Durchlüftung des Raums. Betreten Sie den Raum während der Trocknungsphase möglichst nicht, halten Sie die Türen zu anderen Räumen geschlossen. Falls machbar: Erledigen Sie die Arbeiten im Freien, dass gilt besonders für Abbeizarbeiten. Mehr von Allergate zum Thema "richtig lüften" können Sie hier lesen >>>.
Besonders empfindliche Menschen, Schwangere und Kinder sollten sich vorsichtshalber von Arbeiten mit lösungsmittelhaltigen Farben ganz fernhalten.
Schützen Sie Augen und Haut vor Farbspritzern.
Essen und trinken Sie nicht bei der Arbeit, damit Schadstoffe nicht über diesen Weg in Ihren Körper gelangen.
Tragen Sie Lacke lieber mit dem Pinsel oder mit einer Rolle auf. Wenn eine Sprühdose verwendet werden muss, ist ein Atemschutz unbedingt ratsam.
Bevorzugen Sie Anstrichstoffe mit dem Umweltzeichen "Blauen Engel" - besser noch: Wählen Sie, wo immer es geht, wasserverdünnbare Anstrichstoffe, die völlig lösungsmittelfrei sind. Naturfarben sind empfehlenswert, weil sie aus nachwachsenden Rohstoffen und umweltschonend hergestellt werden. Wie konventionelle Farben können Sie jedoch allergisierende Stoffe enthalten und Haut und Atemwege reizen. Auch hier gilt: Während und nach den Arbeiten ausgiebig lüften!
Als Alternative für Wandfarben bieten sich bedruckte Tapeten an, die mit einem einfachen Kleber auf Basis von Methylzellulose ohne andere Bindemittel, Konservierungsstoffe oder Zusätze gegen Schimmelpilzbildung verklebt werden können. Strukturtapeten aus geprägtem Papier, ohne Vinylschaumoberfläche und scheuerbeständige Beschichtung, sind unproblematisch.
Eine Deklaration der Inhaltsstoffe von Anstrichstoffen ist bedauerlicherweise nicht gesetzlich vorgeschrieben. Wer eine nachgewiesene Allergie auf einen Stoff hat, der enthalten sein könnte, muss zum einzelnen Produkt beim Hersteller Auskünfte einholen.

Allergate-Tipps:
Bei Verdacht auf Schadstoffe und Allergene im Innenraum empfehlen wir die Anwendung unserer Tester zur "do-it-yourself" Innenraumanalyse, z.B. den Bio-Check Lösungsmittel. Auch Handschuhe und Atemschutzmasken sind im Angebot.
Allergen- und schadstofffrei einkaufen- nicht nur bei Anstrichstoffen ein Muss!
Wer auf bestimmte Inhaltsstoffe von Nahrungsmitteln, Körperpflegemitteln oder Wasch- und Reinigungsmittel allergisch ist, hat es leichter als beim Einkauf von Anstrichstoffen: Er kann bei Allergate mit Hilfe eines einzigartigen Produkt-Filters einkaufen: Allergen anklicken - im Shop auswählen - schicken lassen: gleich ausprobieren >>>.
Quelle: Allergate, 7. September 2003

01.09.: Adipositas und Genetik / 15.09.: Osteoporose

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