Nahrungsmittelallergien: der Schein kann trügen

Bei Patienten, die mit Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie zur Abklärung kommen, muss manches nicht so sein, wie es auf den ersten Blick erscheint. Zahlreiche Fehlerquellen im Zusammenhang mit der Ausführung und Interpretation von Tests können in die Irre führen. Die Basis für eine effiziente, möglichst schonende Diagnostik bildet eine gründliche Anamnese.

Hohe Trefferquote durch detaillierte Befragung

Anamnese, Provokationstest und In-vitro-Verfahren bilden bei allen Allergien die drei Säulen der Diagnostik. Eine detaillierte Befragung des Patienten (Tab. 1) gestattet die Erstellung einer Hypothese, für die anschließend Beweise gesucht werden. Zu Screeningzwecken sind Allergietests nicht gut geeignet, da jedes Allergen in Frage kommt. Beachtet werden muss auch, dass sehr viele Medikamente mit allergieähnlichen Nebenwirkungen verbunden sind (ACE-Hemmer, Betablocker etc.).

„Je nach klinischem Erscheinungsbild lässt sich der Zusammenhang zwischen Nahrungsmittel und Symptom mehr oder weniger gut erkennen“, beschrieb Univ.-Prof. Dr. Christof Ebner, Allergie-Ambulatorium Reumannplatz, Wien, das diagnostische Grundproblem. IgE-vermittelte Reaktionen erfolgen rasch, jene vom verzögerten Typ oft erst nach langer Zeit.

Nahrungsmittelallergien erzeugen in erster Linie aber keine gastrointestinalen Beschwerden, sondern Hautsymptome, und gerade bei Ekzempatienten tritt die Reaktion im Allgemeinen sehr spät auf.

Der Pricktest gilt als Routineverfahren unter den Provokationstests. Eine höhere Sensitivität erlaubt die Intrakutantestung, weiters sind Reibtests und Prick-to-Pricktests möglich. Die Epikutantestung dient der Abklärung von Reaktionen vom Spättyp, stellt aber für Nahrungsmittel keine Routinemethode dar, ebenso wenig eine doppelblind placebokontrollierte Provokation.

„Für viele Nahrungsmittel existieren keine standardisierten Testsubstanzen“, so Ebner. Alternativ kann der Patient selbst die Nahrung mitbringen, auf die er glaubt, allergisch reagiert zu haben.

In-vitro-Ergebnisse nur in Synopsis beurteilen

Die In-vitro-Diagnostik umfasst die Bestimmung von Gesamt- und spezifischem IgE. „Auch hier ist es wichtig, ein Konzept zu haben“, betonte Ebner. Mittels Gesamt-IgE lässt sich eine atopische Erkrankung global nachweisen und eine Differenzierung zwischen allergischen und pseudoallergischen Mechanismen vornehmen. Neben weiteren Vorteilen erlaubt die In-vitro-Testung ein Monitoring des Erkrankungsverlaufs sowie eine Erfolgskontrolle bei Karenzmaßnahmen (Tab. 2).

Für die Bewertung der klinischen Relevanz des spezifischen IgE-Befunds ist die Höhe des Gesamt-IgE-Spiegels als Zusatzinformation unentbehrlich. Bei einem hohen Gesamtwert müssen in der Beurteilung des spezifischen IgE andere Schwellenwerte gelten. So kann man nur bei hochpositiver Serologie mit Sicherheit auf das tatsächliche Vorliegen relevanter Nahrungsmittelallergien schließen. „Die In-vitro-Diagnostik ist bei Nahrungsmittelallergien problematisch“, warnte Ebner. „Positive Ergebnisse sind nur selten klinisch relevant.“

An vierter Stelle im Diagnosegang steht die Eliminationsdiät mit stufenweiser Reintroduktion von Nahrungsmitteln, wobei beobachtet wird, ob die Symptomatik wieder aufflammt.

Fallstricke in der Diagnostik

Univ.-Prof. Dr. Norbert Reider, Univ.-Klinik für Dermatologie und Venerologie Innsbruck, unterstrich die Wichtigkeit einer sorgfältigen Anamnese als Basis für das weitere Vorgehen. So können Urtikaria und Bronchospasmus nach Thunfischgenuss auf eine IgE-mediierte Reaktion zurückgehen, ist aber die ganze Familie betroffen, spricht dieser Umstand für eine Histaminintoxikation. „Ein orales Allergiesyndrom auf Äpfel und Nüsse bedarf nur einer ergänzenden Frage nach Niesreiz und Augenjucken im April“, bezog sich Reider auf Kreuzreaktivitäten mit Pollinosen.

Als ersten Fallstrick nannte der Experte eine mangelhafte Diagnose mit konsekutiver Auswahl falscher Hilfsmittel, die nur eine unnötige Belastung des Patienten bedeuten. Des Weiteren kann die Interpretation der Befunde eine Fußangel bereithalten. Die Wertigkeit eines Tests soll nicht nur aufgrund von Spezifität und Sensitivität, sondern auch im Hinblick auf die Gesamtprävalenz einer Allergie beurteilt werden. Screenings führen zwangsläufig zu falsch positiven Befunden. Ebenso wie sein Vorredner betonte Reider den Umstand, dass die klinische Relevanz eines IgE-Befundes erst ab hohen RAST-Klassen als einigermaßen sicher angesehen werden kann.

Ein Problem für sich stellen Nahrungsmittelallergien bei bestehender Neurodermitis dar. Wenn es sich um eine Allergie vom Soforttyp handelt, ist die Diagnose einfach. Schwierig wird es bei Symptomverschlechterung in einem Zeitraum von sechs bis 24 Stunden.

Reider zitierte eine Studie, bei der 139 Kinder mit atopischer Dermatitis einer doppelblind placebokontrollierten Allergenprovokation ausgesetzt wurden. „50% reagierten positiv, die Hälfte davon in Form eines IgE-Typs.“ Bei der anderen Hälfte kam es zu einer Verschlechterung der Neurodermitis und Kombinationsphänomenen.

Auffallend war die Diskrepanz in Bezug auf das Vorliegen spezifi-scher Antikörper und klinisch eindeutiger Reaktionen. So zeigte ein Viertel der Kinder, die klar positiv auf Weizen reagierten, keine positiven spezifischen IgE. „Das Nichtvorhandensein dieser IgE oder ein negativer Hauttest schließen eine Allergie nicht unbedingt aus“, so der Experte.

Gewusst wann und wie

Zu den weiteren Faktoren, die Einfluss auf das Ergebnis haben, zählt das richtige Timing. Eine zu frühe Testung nach einem anaphylaktischen Ereignis in einem Zeitraum von unter zwei Wochen wäre beispielsweise sinnlos, da die IgE dann noch immer verbraucht sind. An Begleitmedikation wie Antihistaminika, Kortison sowie Antidepressiva und andere Psychopharmaka muss im Rahmen der Testung gedacht werden, weiters an Urticaria factitia. Carbohydrat-IgE (z.B. Biene, Wespe) haben keine klinische Relevanz. Im Pricktest kann eine Irritation durch Zitrusfrüchte oder Alkohol irreführend sein, die Wahl der Konzentration oder die Art der Darreichungsform spielt ebenso eine Rolle.

Reider relativierte die Bedeutung von IgG-Nachweisen im Zusammenhang mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Dabei wird behauptet (siehe z.B. www.yorktest.com), dass so unterschiedliche Erkrankungen wie Reizdarmsyndrom, Asthma, Depression, Arthritis, Rhinitis, Migräne, multiple Sklerose, Autismus, Psoriasis u.v.a.m. ihre Ursache in IgG-vermittelten Nahrungsmittelunverträglichkeiten hätten und durch eine entsprechende Diät gebessert oder geheilt werden könnten. Ein Positionspapier der Europäischen Akademie für Allergie und Immunologie zu Nahrungsmittelunverträglichkeiten spricht die Problematik sehr eindeutig an: „Die klinische Relevanz von Serum-IgG-Antikörpern gegen Nahrungsmittel ist bis jetzt nicht durch sorgfältige, kontrollierte Studien dokumentiert“. Daran hat sich auch seither nichts geändert. Die wenigen vorhandenen Daten sind alles andere als überzeugend, die Funktionsweise kann nicht erklärt werden.

Autor:
Dr. Judith Moser

Quelle des Artikels Nahrungsmittelallergien: der Schein kann trügen:
21. Ernährungskongress des Verbandes der Dipl. DiätassistentInnen & Ernährungsmed. BeraterInnen Österreichs, 11. März 2004, Wien

Mit freundlicher Genehmigung von www.universimed.com


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